Berliner "Weltumsegler" in Kiel
Ruhig schaukeln "First Cash" und "Time for Sidney" an diesem sonnigen Tag Ende Oktober im Düsternbrooker Hafen der Kieler Förde. Wellen schwappen schwach an die Mole, und die Bootsmasten geben ein gleichförmiges, klickerndes Geräusch von sich.
Arne ist dabei, ein Segel auf "First Cash" zu setzen, während Jan am Heck schweigend vor sich hinwerkelt. Ich warte auf Marco, um das geborgte Auto abzuholen. Jan wird von einem Spaziergänger angesprochen: "Ihr seid doch die Jungs aus der "Yacht"!?" Jan lächelt müde und arbeitet weiter. Der Kieler versucht es nochmals: "Die Boote sehen recht eisfest aus, wohin wollt ihr denn jetzt noch fahren?" Jan dreht sich weg und arbeitet weiter. Der Passant: "Nach Grönland?" Jan antwortet: "Nö, südlicher." Der Mann: "Wohin denn da?" Jan lässt sich nicht stören: "Zum Äquator." Der Passant gibt verständnislos auf: "Naja, denn gute Fahrt."
Ein paar Tage zuvor erreichte mich nachts ein Telefonanruf von Marco, der die "Weltumsegler" ankündigte. Zwei Jahre hatten wir uns nicht gesehen, seitdem wir gemeinsam mit dem Dampfer über die Kieler Förde geschippert waren. Nun begrüsste mich der verrückte Berliner lächelnd in wasserdichter Segelkleidung vor den zwei selbstgebauten, sportlichen Booten an der Kiel- und Spiellinie. Seine Mitsegler schienen weniger erfreut. "Tja, wir haben einige technische Probleme und müssen hier in Kiel noch Material kaufen", versuchte Marco seine schlechtgelaunten Freunde zu entschuldigen.
Zu früher Abendstunde rückten mein Freund Wolfram und ich mit einer Sektflasche und guter Laune an. Die Situation an Bord war jedoch unverändert verfahren. Marco platzierte uns in der von der Werkelei verwüsteten Kajüte von "First Cash" und verschwand im anderen Boot. Nach einiger Zeit erschien er wieder. "Sie haben noch zu tun, kommen aber gleich", versprach Marco mit einem etwas gequälten Gesichtsausdruck. Also nutzten wir die Zeit, um in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen und uns Einzelheiten der Boote sowie der Fahrt von Stralsund nach Kiel erklären zu lassen. Nach anderthalb Stunden kletterte Marco ungeduldig nochmals in die Kajüte von "Time for Sidney". Irgendetwas stimmte nicht mit den fünf Sportsfreunden, und Wolfram und ich fühlten uns unerwünscht, fast störend. "Dann lass uns jetzt gehen, den Sekt können sie auch ohne uns trinken", schlug Wolfram missmutig vor. In diesem Moment erschien Marco mit Arne, Jan, Raimar und Christian im Schlepptau. Wir öffneten den Sekt, der so gut wie schweigend getrunken wurde. Daraufhin standen die vier mit der Bemerkung auf, dass sie jetzt Essen gehen würden. Sowohl Marco als auch wir blieben verblüfft zurück.
Unser Angebot, die lokalen Medien zu benachrichtigen, schlug Marco wohlweisslich aus: "Ihr seht ja, wie die Jungs drauf sind. Und wir haben Schwierigkeiten mit den Motoren, mit dem Funk, und die Segel sind auch noch nicht da. All das macht einen zu schlechten Eindruck."
Ich war davon ausgegangen, dass jemand, der seinen Traum verwirklicht und auf grosse Reise geht, gute Laune haben müsste. Doch hier war die Situation eine andere. Ich vermutete, dass es zwischenmenschliche Spannungen gab und machte mir Sorgen, wie die Jungs im Ausland zurecht kommen wollten. Noch waren sie im eigenem Land, dessen Sprache und Sitten sie kannten. Im Ausland würde das schwieriger werden. Liegt der Reiz einer derartigen Reise nicht auch gerade in den neuen Bekanntschaften, statt nur in der Einsamkeit auf See? Auch eine Grussbotschaft aus Berlin nach Sidney kann nicht schweigend überbracht werden.
Eine andere Ursache für die Kommunikationsstörung der Jungs konnte auch ein zu grosser Medien- und Sponsorendruck sein. Immerhin soll die Nordsee im Herbst kein Zuckerschlecken sein, und die Vier standen, wie sie selbst zugaben, unter enormen Zeitdruck: die Time for Sidney wurde immer knapper...
Kathrin Beutin, Kiel, November 1999 (Foto: M. Bertram)
"Berliner ´Weltumsegler´ in Kiel" wurde für ein Buch von Marco Bertram geschrieben, in dem der junge Berliner die Ereignisse einer dramatisch gescheiterten Weltumseglung schildert. Zu viert stechen die Jungs nach jahrelangem Eigenbau zweier Segelyachten im Herbst 1999 bei Stralsund in See. Aufgrund von Lieferungsproblemen des Materials ist es bereits viel zu spät im Jahr. Die Herbststürme wüten über der Nordsee. Beide Boote geraten in Seenot. Die vier Segler können nur unter schwierigsten Bedingungen von einem niederländischen Rettungsteam geborgen werden. Mehr dazu unter www.global-writing.de