Portugal zwischen Tradition und Moderne:
Eindrücke aus dem Sommer '98

Sie sitzen auf den mittelalterlichen Treppenstufen in der Altstadt von Coimbra und lauschen der traditionellen Musik Portugals, dem Fado. Die Einheimischen kennen den Text, singen schunkelnd mit. Die Touristen bewundern die Fadosänger, die in traditionell schwarz gekleidet melancholisch-sehnsüchtig in den portugiesischen Sternenhimmel blicken.
in Stein gehauene Erinnerung an die alten Zeiten - hier mit Heinrich dem Seefahrer an der Spitze (Lissabon - Stadtteil Belém)Draußen auf der Straße singen sie, geben sich volksnah und verkörpern die Saudade (Sehnsucht) der Portugiesen, die seit der "ruhmreichen" Zeit der Entdeckungen im 15./16. Jahrhundert viele Krisen durchlebten.
Der Fado von Coimbra ist der einzig selbständig existierende neben dem von den Männern im ganzen Land gesungenen Fado aus Lissabon. Er ist für die Nation am Rande Europas das Schicksal und dieses gibt sich im Sommer 1998 besonders international. Das 1986 der Europäischen Union beigetretene ärmste Land EU-Europas blickt nun weiter als bis zur einzigen Festlandsgrenze mit Spanien. Portugal richtet 4 Monate lang, vom 22. Mai bis zum 30. September , die Weltausstellung "EXPO `98" in der Hauptstadt Lissabon. Und mit dem Thema: "Ozeane - Erbe der Menschheit" kann sich der kleine Atlantikstaat am südwestlichen Rande Europas sehr gut identifizieren.
Über 120 Nationen und 10 Internationale Organisationen stellen sich und ihre Beziehung zu den Weltmeeren in den zahlreichen Pavillons dar. Besucher aus aller Welt finden täglich den Weg zum Ausstellungsgelände. Und die Stimmung ist phantastisch. Die Zuschauer der phantasievollen Theateraufführung im Pavillon der Utopie geben sich wie bei einem Massenvolksfest oder einem Fußballspiel. Noch vor Aufführungsbeginn erzittert der Boden durch gemeinschaftliches Fußgetrampel, ertönen Sprechchöre in den verschiedensten Sprachen und zur Krönung gelingt den mittleren Rängen die Welle. Die oberen Ränge setzen zeitgleich in entgegengesetzter Richtung ein und das Parkett weiß sich zum richtigen Zeitpunkt in die Bewegung einzuordnen. Ein riesiger Ozean aus Menschen. All das endet in stehenden Ovationen. Ein Lob für Portugal.
Auch Deutschland ist mit einer Unterwasserstation namens OCEANIS vertreten. Seit dem Besuch des Bundespräsidenten Roman Herzog im Juni arbeiten die Türen des Lifts wieder ohne Probleme, der die Besucher 100 Meter unter die Meeresoberfläche bringt. Simulation per Video, Infotafeln, Maschinenteile sowie Fundstücke der deutschen Ost- und Nordsee informieren über das Meerestreiben der Bundesrepublik. Die für die Besucher bereitgestellten Computer enthalten so viel Infos, dass man glatt auf OCEANIS übernachten oder besser unternachten möchte. Zum Abschluss unternehmen die Besucher der deutschen Unterwasserstation eine Flugreise durch Zeit und Raum. Sie tauchen aus den Meerestiefen auf, erheben sich über die Stadt Lissabon bis in kosmische Sphären. Hier wird die Gegenwart verlassen, um in das Jahr 2000 zu gelangen. Deutschland wird auf der Erdkugel sichtbar und mit ihm Hannover, Ausrichter der "EXPO 2000". Das Shuttle landet und die zukünftigen Besucher drängen sich an den Luken. Mit einem Zittern öffnen sich die Türen: Die EXPO `98 in Lissabon wartet darauf, von uns entdeckt zu werden.
Direkt am EXPO-Gelände, dort wo das Süßwasser des Tejo und das Salzwasser des Atlantik sich vermengen, verbindet seit knapp zwei Monaten die 17 Kilometer lange Brücke "Vasco da Gama" die sich gegenüberliegenden Ufer. Es ist die längste Brücke Europas. Zur Einweihung im Juni 1998 ließ die Stadt einen 5 km langen Tisch aufbauen und servierte der Bevölkerung Reis und Bohnen. Ein Spülmittel nutzt nun dieses Ereignis zu Werbung im portugiesischen Fernsehen.
Die Weinkellerei Ferreira auf der EXPO ´98 in Lissabon - am Horizont die Vasco-da-Gama-Brücke Die Brücke präsentiert den traditionellen Part Portugals. Genau 500 Jahre ist es her, dass der Portugiese Vasco da Gama sich aufmachte und 1498 Indien entdeckte. Eigens dazu wurde im Zollgebäude von Porto an der Douro-Mündung gegenüber der berühmten Portweinkellereien ein neues Vasco da Gama Museum eingerichtet. Die Ausstellung nimmt Bezug auf die portugiesisch-asiatischen Beziehungen des damaligen Imperiums. Dass diese nicht nur auf kommerziellen Interessen beruhten, sondern auch auf der Zwangsvorstellung den christlichen Glauben verbreiten zu müssen, wird leider nur am Rande erwähnt.
Doch diese Zeiten sind endlich Vergangenheit und Portugal richtet auch in anderer Hinsicht seinen Blick Richtung Zukunft. In Lissabon und Braga trifft sich im August die Weltjugend. Initiator ist die UNO. An weißen T- Shirts und Basecaps ist die Jugend zu erkennen. Und an dem ausgelassenen Lachen. Portugal scheint ein guter Gastgeber zu sein, denn so wie für die UNO ist in diesem Sommer auch Portugals Motto: Gemeinsam für eine bessere Welt. Und das in allen Sprachen.
Doch auch die portugiesische Sprache wird in den Vordergrund gerückt. So finden sich jährlich Studenten aus aller Welt in Coimbra, der portugiesischen Universitätsstadt, zusammen zum "Sommerkurs der portugiesischen Sprache und Kultur". In diesem Jahr drückten sie zum 74. Mal vom 1. bis 31. Juli die Studienbänke. Für alle Sprachniveaus vom totalen Anfänger bis zum Oberkurs, dem mit Erhalt des Diploms die Fähigkeit zum Unterrichten der portugiesischen Sprache bescheinigt wird, ist etwas vorhanden. Dabei wird auf Sprache, Konversation, Geschichte und Literatur Wert gelegt. Hier treffen Tradition und Internationalität Portugals wieder zusammen.

Kathrin Beutin, Coimbra, August 1998


www.kathrin-beutin.de