Deutschland:

Thema Rassismus, Teil 1

Beleidigung für jeden Ostdeutschen - Ein Plädoyer für Gesamtdeutschland.

(Göttingener Tageblatt, Leserbrief zur Meinung ”Rechtsextremismus - Erbschaft der DDR” vom 31. Juli 2000, Seite 4. )

Endlich ist der Rechtsextremismus der neuen Bundesländer in allen Medien präsent. Seit 10 Jahren hat der Osten mit diesem Phänomen zu kämpfen. Seit 10 Jahren wird dieses Problem zu selten in den Medien besprochen. Wegschauen in Ost wie West war angesagt. Schon der “Tag der deutschen Einheit” 1990 war vielerorts von Aufmärschen der Rechten überschattet. Viele Jahre der Angst vor einem Teil der ostdeutschen Bevölkerung folgten. Immer wieder Aufmärsche der Rechten Szene, immer wieder Übergriffe auf Ausländer und immer wieder Übergriffe auf die, die dagegen anzugehen suchten. Von der Polizei war selten Hilfe zu erwarten. Permanente Unterfinanzierung führte bei ihr zu Personalmangel und schlechter Ausrüstung.

Im Kommentar vom 31. Juli stand: ”Zwischen Ostsee und Erzgebirge gibt es offenbar weniger couragierte Bürger, die sich den Parolen und Taten der Neonazis entgegenstellen.” Dieser Satz beleidigt jeden Ostdeutschen, der sich zu wehren suchte. Und derer gibt es viele. Es darf nicht vergessen werden, dass die Rechtsextremisten in Ostdeutschland trotz ihrer zahlreichen Gewalttaten doch nur den geringeren Anteil der ostdeutschen Bevölkerung stellen. Doch sie haben es geschafft, der Mehrheit auf dem Kopf herum zu tanzen. Und die Mehrheit verabscheut Rechtsextremismus. Aber welche Courage forderte der Kommentator von den Ostdeutschen? Wie couragiert soll man sein, wenn man eine Gewalttat der Neonazis anzeigen möchte, von ihnen aber deshalb bedroht wird? Die Antwort der Polizei: “Wenn Sie die Anzeige wollen, können wir Sie nicht vor den Übergriffen schützen. Wir haben zu wenig Personal. Bitte legen Sie sich eine eigene Waffe zu!” Wie ist die westdeutsche Antwort darauf? Aus der sicheren Entfernung läßt es sich leicht urteilen.

“Wer junge Leute zu Toleranz erziehen will, braucht dazu ein gesellschaftliches Klima. Dies fehlt im Osten.” Mit diesen Worten endet der Kommentar vom 31. Juli zum Rechtsextremismus in den fünf neuen Bundesländern. Damit treibt der Kommentator den Keil zwischen Ost und West nur noch tiefer. Seit Jahren schauten auch die westdeutschen Medien weg und berichteten nur, wenn es brannte oder Tote gab. Nun wird dem Osten auch noch ein intolerantes Klima zugesprochen. Die ostdeutsche Mehrheit, die seit 10 Jahren unter den Rechtsextremisten leidet, hätte sich schon eher einen Aufschrei in den Medien und der Politik gewünscht. Doch Ignoranz oder Angst vor der Wahrheit schienen stärker zu sein. Dies gilt auch für die im Westen lebende Bevölkerung. Wenig informiert über die Ereignisse und Zustände im Osten schenkte sie den Empörungen der Ostdeutschen über die Aufmärsche der Neonazis keinen Glauben oder zeigte kaum Interesse. Gäbe es weniger oberflächlichen Informationsfluss zwischen Ost und West, könnte man vielleicht auch gemeinsam gegen diese “Erbschaft der Wende” angehen. Es wäre auch ein Schritt, die deutsche Einheit wirklich zu realisieren.

Kathrin Beutin, Göttingen, August 2000


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