Russland/Irkutsk:
Sibirische Studienerfahrungen einer Kieler Studentin


Der Baikalsee im Sommer

Russland ist groß und kalt, extrem arm und reich zugleich, voller Verbannter und Mafiosi. Ein oberflächliches Klischee - das wußte ich bereits vor meinem Russischstudium im sibirischen Irkutsk von September 2000 bis Juni 2001. Vorherige Besuche im europäischen Russland und sibirischen Irkutsk und der Wunsch, doch endlich mal richtig russisch sprechen zu können, überzeugten mich von der Notwendigkeit, einmal in Russland zu leben. Trotzdem kamen Zweifel auf. Ob sich in den vergangenen fünf Jahren viel in Irkutsk verändert haben würde? Na, den wunderschönen Baikalsee, an dessen Ufer ich im Sommer 1995 mit Freunden entlangwanderte, wird es ja noch geben! Aber wie ist ein sibirischer Winter zu ertragen? Meine beiden Kommilitonen und ich setzten einen seit 10 Jahren zwischen Kiel und Irkutsk bestehenden DAAD-Austausch fort. Andere hatten es also auch überlebt.

Wie alle Kieler wurden wir im größten Gebäude von Irkutsk untergebracht. Das 13stöckige Studentenwohnheim, nahe unserer "Internationalen Fakultät" am Stadtrand gelegen, war wie erwartet russisch: es ähnelte einem Knast. Kahle, abblätternde Wände, dreckige Flure ohne Fenster, Metallgeländer und kahlköpfige Wachsoldaten. Die Zimmer waren in Ordnung, da wir auf der privilegierten Ausländeretage wohnten. Zu zweit ein Zimmer, zu viert eine Podestdusche und einen Kühlschrank. 10 Monate Russland lagen vor uns.
Obwohl der Sprachunterricht sofort begann, war ich anfangs mehr damit beschäftigt, meine neue Umgebung zu erkunden und vor allem neue Bekanntschaften zu verarbeiten. Sowohl die Uni als auch das Wohnheim erwiesen sich als Kontaktschmieden. Südkoreanische Studenten verköstigten wir mit deutschen Bratkartoffeln, Russen luden uns zum Piroggenbacken und auf eine Datsche mit Sauna ein. Langeweile kam nicht auf, dagegen doch der Wunsch, endlich mal allein zu sein. Nach vier Wochen bezog ich ein Zimmer bei einer Babuschka und ihrem 44jährigen Hippiesohn Sascha. Das typisch sibirische Holzhaus war hübsch zwischen Birken gelegen, warm und vor allem trotz Zentrumslage ruhig. Während uns im Wohnheim die bewachte und nachts verschlossene Ausländeretage von den Russen ein wenig isolierte, lebte ich nun mit ihnen zusammen. Sprachlich brachte das Fortschritte, und ich erlebte den russischen Alltag hautnah.
Das Zentrum von Irkutsk ist im Vergleich zu den plattenbaulichen Randgebieten richtig hübsch. Farbenfrohe Jugendstilhäuser stehen nachbarschaftlich neben Blockhütten, deren Bewohner Wasser aus Strassenpumpen holen. Geschäfte, Kinos, Museen, Theater und Restaurants - alles befindet sich im Zentrum. Und mitten hindurch fliessen die breite Angara und der schmalere Namensgeber der Stadt, der Irkut.
Tanja auf dem Baikalsee Die Universität ist ein undurchschaubares Chaos, das Studium verschult, und die russischen Studenten sind mit ihren 17 bis 21 Jahren sehr jung. Da wir drei Kieler mit sehr unterschiedlichen Sprachkenntnissen angereist waren, gestaltete sich die übliche nationale Zusammensetzung der Gruppen als Problem. Das Organisationschaos führte dazu, dass ich innerhalb von drei Monaten vier Studenplan- und Gruppenwechsel zu ertragen hatte und dennoch nicht meinem Niveau entsprechend unterrichtet wurde. Verteidigend sei gesagt, dass Ausländer an der Irkutsker Uni nicht, wie in Kiel üblich, vereinsamt in abgelegenen Räumen unterrichtet werden, sondern sich mitten im studentischen Getümmel aufhalten. Zusätzlich zum Sprachunterricht belegte ich Literaturkurse mit russischen Studenten an einer anderen Fakultät, an der ebenfalls merkwürdige Kursänderungen kein Grund zur Beunruhigung zu sein schienen. Entschädigung für das Durcheinander fand ich in den vielen Bekanntschaften und bald auch Freundschaften mit Russen. Regelmässige Sauna- und Theaterbesuche, Ausflüge zum Baikal und in die weite sibirische Natur mit Tanja, Sascha, Aljoscha und Olja füllten die Freizeit.
Temperaturanzeige im Bahnhof von Tschita Der Winter wurde wie erwartet lang und kalt. Langsam sank das Quecksilber auf -20 Grad. Bis dahin war die Kälte noch erträglich, da das trockene Kontinentalklima das Kälteempfinden verringert. Doch bei -20 Grad kleben die Nasenwände aneinander, ab -25 gefriert die Augenflüssigkeit an den Wimpern, und bei -30 Grad klirren die Eiszapfen unter der Nase. Die Spaziergänge wurden immer kürzer und die Teestunden ausgedehnter.
Gut mit Warmhaltetipps bestückt, machten mein Freund Wolfram und ich uns im Januar in die Winterferien auf. Während deutsche Journalisten über den angeblich kältesten Winter seit 30 Jahren in Sibirien und dem Fernen Osten berichteten, fuhren wir mit der legendären Transsibirischen Eisenbahn etappenweise quer durch die Kälte von Irkutsk nach Wladiwostok. Und wir froren tatsächlich beim Wandern, Skifahren und in den Städten. Knackige minus 42 Grad in Tschita waren die Härteprobe. Im chinanahen Chabarowsk lud uns eine Geologenfamilie direkt aus dem Zug zu sich nach Hause ein. Und Wladiwostok überraschte uns mit internationalem Flair aus seinem Pazifikhafen. Vier Tage Reisezeit mit der Transsib liessen uns hautnah die Weite des grössten Landes der Erde spüren. Neun Zeitzonen und 11.000 Kilometer trennten uns von Norddeutschland.
Allen Klischees zum Trotz begegnete uns nirgendwo Kriminalität. Sie scheint mehr das Metier der unsichtbaren Mafia zu sein. Dafür ist man allerorts unfreundlichen Verkäufern und ständigen Rempeleien ausgesetzt. Verlegen machte mich zudem meine finanzielle Überlegenheit. Uniassistenten leben monatlich von 60 DM, Rentner müssen mit 80 DM auskommen und Dozenten ernähren ihre Familien von 160 bis 300 DM. Dabei machen erst 150 DM pro Person richtig satt. Deshalb hat jeder noch sein Business: Flaschensammeln oder Gemüseanbau auf der Datsche.
Ein oder zwei Auslandssemester kann ich wärmstens empfehlen. Auch in Irkutsk. Dem Unichaos und den eingeschränkten Alltagsbedingungen stehen auch viele interessante Erfahrungen gegenüber. Wenn nicht sogar all die Unannehmlichkeiten dazu zu zählen sind. Fremdsprachenkenntnisse empfinde ich als eine Eintrittskarte in eine andere Kultur und zu vielen Bekanntschaften. Lässt man sich offen auf das Andere ein, sieht und fühlt man plötzlich ganz anders und kehrt irgendwie reicher nach Hause zurück.


Kathrin Beutin, Irkutsk, Mai 2001

 

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