Russland/Irkutsk:
"Wir werden früher erwachsen"
Alltagsprobleme auf sibirisch - vier Irkutsker Studentinnen wehren sich gegen den russischen Einheitstrott in Irkutsk

Irkutsk - das Paris Ostsibiriens. Ein bisschen übertrieben vielleicht und doch ist was Wahres dran. Mit 640.000 Einwohnern ist Irkutsk die größte Stadt im östlichen Sibirien. Für den Irkutsker Oblast` (Gebiet), in den die Bundesrepublik Deutschland ganze vier mal hineinpassen würde, ist die sibirische Metropole das Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturzentrum schlechthin. Hier sind die Theater, die Museen, hier sind die Hochschulen und die Universität und hier siedeln fast 100 Betriebe und Fabriken.
Auf halber Strecke von Moskau nach Wladiwostok hält in Irkutsk bei Kilometer 5191 die legendäre Transsibirische Eisenbahn. Touristen aus aller Welt starten von hier aus ihre Touren zum tiefsten See der Welt, dem 70 Kilometer entfernten Baikalsee.
Die sibirische Stadt gibt sich gern extrem. Mit bis zu hitzigen 35 Grad im Sommer und eiskalten minus 50 Grad im Winter ist Irkutsk nicht für jeden Europäer das Traumziel. Doch abgesehen von den klimatischen Bedingungen ist das "Paris Ostsibiriens" ein typisch russisches Extrem. Wie überall im größten Land der Erde leben hier Mercedesbesitzer und Finanzmogule neben Rentnern, die sich von trocken Brot und Flaschensammeln ernähren. Das soziale Knistern macht vor niemandem halt. Manch einer verfällt in Depression und andere versuchen, dagegen anzugehen. Ein Beispiel sind die Erstsemesterstudenten Lena, Anja, Natalie und Diana, die sich einmal wöchentlich in einer ehemaligen Garage treffen.
"Wir sind keine Gopniki!", versichert die 17 jährige Lena mit einem verschmitzten Lächeln. "Schau uns an. Wir treffen uns in dieser Garage, die wir eigenhändig auf Vordermann gebracht haben, tragen westliche Klamotten, sprechen Fremdsprachen, haben Kontakte zu Ausländern und lesen aufregende Bücher. Wir sind Neformaly, Underground!" Lena streicht sich die Haare aus der Stirn. Es ist stickig in der schummrigen Garage, dem Kellerraum im dritten Irkutsker Lizeum, einer Art Fremdsprachengymnasium. Das etwas zurückgesetzte Steingebäude ist zwischen typisch sibirischen Blockhütten am Rande des Irkutsker Stadtzentrums in der Straße des 3. Juli gelegen und läßt keineswegs "Undergroundler" vermuten. Doch hier haben die vier Freundinnen einen Ort, der sie von der langweiligen Einheitsmasse und den Gopniks unterscheidet. "Wir wollen ja niemanden beleidigen, doch sie sind überall. Die Gopniks", sprudelt es aus Anja hervor. Du erkennst sie an ihrer Einheitskleidung: Männer haben Lederjacken, Sporthosen und Turnschuhe an. Frauen tragen kurze, enge Röcke, Hackenschuhe und Pelze. Und sie setzen alle diese riesigen, dumm aussehenden Pelzmützen auf. Gobniks lesen nicht, interessieren sich für nichts, trinken viel Bier und Wodka. Männer-Gopniks können sehr grausam sein, denn sie achten andere Menschen nicht. Sie schlagen auch mal zu und erpressen Leute auf der Straße. Sie haben keine Ziele im Leben. Für sie ist jeder Tag wie der andere."
Vor zwei Jahren überließ ihnen eine Lehrerin den schmutzigen Kellerraum voller Gerümpel zur Selbstverwirklichung. "Damals glaubte niemand daran, dass wir etwas aus diesem Raum machen würden", verkündet Anja stolz. Alle packten mit an. Eine Freundin verlegte die Elektrik und die Mädchen sammelten Bravo-Poster für die kaputten Kellerwände. Nun lächeln John Lennon, Tom Cruise, Bon Jovi und vor allem die Hanson-Brothers ihr süßestes Lächeln von den Wänden. Sogar "Echt" klebt in der Ecke. Underground? Russischer Underground.
Während ihrer Schulzeit probten sie hier in den unteren Gemächern mit ihrer Band "Fun in the garage" für Schulauftritte. Nun sind allesamt Studentinnen im ersten Semester und haben weniger Zeit. Jura, Wirtschaft, Finanz- und Kreditwesen verheißen viel Arbeit. Zumal jede von ihnen mindestens eine Fremdsprache lernt. Doch der wöchentliche Garagentreff muss sein. Denn hier entscheiden die Mädels, welche Probleme vor der Tür gelassen werden und worüber geredet werden muss.
"Wir brauchen die Zeit hier im Keller. Draußen ist das Leben voller Probleme. Meine Mutter verdient nur 80 Dollar und muss davon mich und meinen Bruder ernähren. Natalies Eltern sind Musiker und verdienen noch weniger. Von dem Geld kann man sich kaum satt essen, geschweige denn Klamotten kaufen", informiert Anja. Bei fast allen hängt der elterliche Haussegen schief. Verständlich, denn allein um sich drei Mal täglich in Russland satt essen zu können, sollte jeder monatlich über wenigstens 50 Dollar verfügen.
Nur noch ein kleiner Teil des Band-Schlagzeugs steht neben der kleinen Musikanlage, aus der die Hanson-Brothers singen. Anja stürmt zu den Drums und legt los: "Das hier ist unsere Welt. Nichtformal sein bedeutet, Persönlichkeit haben." Und die zeigen die anderen drei, indem sie wild durch ihre nichtformale Garage tanzen. Enge Jeans, bunte T-Shirts mit englischer Aufschrift, Natalis Nasenring und ihre rotgefärbten, kurzen Haare wirken aus westlicher Sicht so richtig normal. Unnormal dagegen ist - egal aus welchem Blickwinkel - dass die Mädels dem Alkohol und vor allem dem Wodka abgeschworen haben: "Wegen all der Probleme nach der Perestroika fing mein Vater an zu trinken. Der Alkohol hat ihn verändert. Er ist krank und lebt trotzdem bei uns. Es ist schrecklich", erklärt eines der Mädchen. Alkoholismus - ein allgegenwärtiges Problem in Russland. Deshalb und weil sie wenig Geld haben, gibt es traditionsgemäß in der Garage nur Bingo-Brause und trocken Brot.
Auf die Frage, was sie von ihren westlichen Altersgenossen unterscheidet, sind sich die vier einig: "Das russische Leben läßt uns früher erwachsen werden, ob wir wollen oder nicht."
Und ebenso einig sind sich die Underground-Studentinnen darüber, dass sie ihr Russland lieben. "Trotz aller Probleme hier ist es schwer, seine Mutter nicht zu lieben", betont Lena. Doch Richtung Ausland schauen sie wehmütig. In Europa und Amerika haben die Menschen mehr Möglichkeiten, sich zu verwirklichen, während man in Russland nicht über den Überlebenskampf hinauskommt und niemand garantieren kann, dass Wissen auch entlohnt wird. Deshalb wollen alle in Europa zumindest studieren oder eventuell für immer dort leben. Bis auf Lena, die zukünftige Juristin: "Ich träume davon, nach Irkutsk zurückzukehren und ein Kinderheim aufzubauen. Wir alle haben hier wenig Chancen, doch die Kinder auf der Straße noch weniger."
Wild tanzen Anja, Lena, Natalie und Diana zur dröhnenden Hanson-Musik durch ihren Keller. Trotz allen Andersseins - ihr Tanzstil ist russisch. Hüfte schwingen und möglichst sexy wirken. "Sag den Jugendlichen in Deutschland, dass sie zu uns in die Garage kommen sollen. Glaubt nicht immer, was die Medien Euch erzählen. Wir sind gute Menschen."
Kathrin Beutin, Irkutsk Januar 2001
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